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Du hast die ganze Nacht ziemlich schlecht geschlafen. Im Schlafsack neben der Bühne war es auch nicht besonders bequem. Und jetzt musst du ein paar Gerüststangen wegschleppen und Bierbänke aufbauen. Ein Albtraum? Nein, willkommen bei Freisings jungem Kulturverein Prima leben und stereo. Und es ist wirklich kein Albtraum, auch wenn dir die Mücken in der Nacht ziemlich zugesetzt haben. Denn es bringt gleich jemand Kaffee und Semmeln vorbei. Und heute Abend werden ein paar Tausend Menschen genau vor dieser Bühne stehen und sich freuen, dass hier, nördlich von München, mitten in Oberbayern, so etwas möglich ist und Bands sauber abrocken sowie DJs die Bässe knallen lassen.

Grob gesagt, ist es die Liebe zur Musik, die Liebe zu Kultur und schönen Dingen, die den Kulturverein seit Jahren antreiben. Denn Geld gibt es keines, staatliche Zuschüsse auch nicht, alles muss selbst erwirtschaftet werden und wird gleich in die nächste Veranstaltung investiert. Daher muss noch etwas dazukommen: Der Glaube an diese Stadt, an diese Region. Freising ist nicht nur hübsch gelegen und bietet naturmäßig open-air-taugliche Weiherkulissen. Es sind die Menschen dieser Stadt: musik- und kulturinteressiert, open minded und durstig nach Feiern. Es sind die Künstler dieser Stadt: Bands, DJs, und Co., die es nicht unbedingt nach Berlin gezogen hat, die auch hier vor Ort kreativ sein wollen und das kulturelle Leben hier gestalten. Und es sind Locations dieser Stadt: Bars und Kneipen, in denen stundenlang die neusten Platten, die letzten Touren und aktuellen Kinofilme diskutiert werden, die Jugendzentren und sonstige Räume, in den Kultur stattfindet und DJs auflegen und es sind die alten Bausubstanzen, die diese Stadt mit ihrer alten Geschichte bietet.

Angefangen hat Prima leben und stereo als Initiative von Freunden für Freunde. Leute, die für eine befreundete Band ein Konzert am Weiher organisierte. Doch dabei ist es nicht geblieben, wenngleich viele aus dieser Urtruppe noch heute mit dabei sein. Jedes Jahr kommen neue Helfer dazu, ohne die es im Übrigen gar nicht gehen würde. Unterschiedliche Freundes- und Interessenskreise, altersmäßig von 16 bis weit über 40, arbeiten zusammen, um die Veranstaltungen durchzuziehen.

Und diese sind in den Jahren zahlreich geworden: Seit 12 Jahren das Open Air am Vöttinger Weiher, klein begonnen, behutsam gewachsen. Jetzt ein bekanntes Indie-Musikfest ohne die gemütliche Überschaubarkeit verloren zu haben. Dann seit 8 Jahren die Nacht der Musik, das Kneipenfestival für alle Musikrichtungen und Altersklassen. Und der Verein sucht sich neue Themen und Räume. Etwa die Wiese am Weihenstephaner Campus mit seinen Rangstufen, ähnlich einer Arena. Erst ein Konzert dort (das war 2000), später als fester Ort für das Kino am Rang. Leider nicht mehr existent als Ort sind viele Räumlichkeiten der alten Vimy-Kaserne. Gerne hätte man die alte Bausubstanz der Stadt kulturell genutzt. Wie das aussehen könnte, zeigte der Verein eine ganze Woche mit Konzerten, Filmen und Lesungen. A propos: Als die neue Unibibliothek in Weihenstephan noch nicht ganz fertig war, schleppte man zwei Flügel rein und veranstaltete einen klassischen Konzertabend mit Lesung zum Thema Faust. Und weil Veranstaltungen dieser Arten noch nicht reichen, kompilierte Prima leben und stereo auch mal zwei CDs und beobachtet und kommentiert das kulturelle Treiben via Website.

Bei Prima leben und stereo erwarten einen keine Bezahlung und auch nicht immer stressfreie Tage. Aber es gibt hier einen Haufen Leute kennen zu lernen, mit denen man zusammen arbeitet und auch feiert. Und man ist Teil von etwas, das versucht in dieser Stadt, im Norden Münchens, einige Schienen und Nischen von Kultur zu beleben und einen Platz zu bieten.