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mein herz schlägt links
gedanken übers essen

popcorn allein ist nicht jedermanns sache. gefordert ist eine neue form kreativen kochens, eine art nouvelle cuisine, in der neuen küche, cucina fantasia. auf dem weissen schimmel solcher tautologien sollten wir die welt des fantasielosen essens in heimischen cafes und kneipen ebenso hinter uns lassen wie den allerweltsabklatsch der französischen küche in feinen restaurant- und hotelküchen. auf der speisekarte für den nächsten p.l.u.s.-abend erwarte ich statt popcorn und sandwich einen „blumenkohlfelsen bei den aventurischen flüssen“, nur so wird auch das essen teil eines kulturellen mehrspartenbetriebs.

ganz neu ist die idee natürlich nicht. der künstler j.immendorf hat längst in seiner kneipe auf st.pauli „cafe deutschland“, früher „la paloma“ erkannt: „das bild muss die funktion der kartoffel übernehmen“. umgekehrt wäre auch nicht verkehrt.

für den p.l.u.s.-abend könnte ich mir folgende art culinaire gut vorstellen, die in zusammenarbeit mit dem künstler pit landgrebe noch weiter ausgearbeitet werden könnte: meisterwerke der kulinarischen moderne: die rot-weissen barken, eine vom deutschen expressionismus beeinflusste suppenterrine. aquarelle von frühlingsgemüsen, ein impressionistisches tafelbild. mosaik mit muscheln, ein der pop-art verpflichtetes werk. 3 rechtecke auf weiss, ein kubistisches eis-parfait, inspiriert von einem bild des imi knoebel. zerlaufende früchte an mandelfelsen, eine spätromantische dessert-kreation. Und als höhepunkt der konzept-art wird ein foto eines spargels herumgereicht ?

noch einen schritt weiter würden wir gehen, in anlehnung an den alster-salon des hotels atlantic in hamburg, die ähnliches bereits in der saison 98/99 regelmässig im programm hatten. beginn jeweils um 19.30 Uhr mit einem cocktail. anschliessend dinner. Und danach der wahnsinn: vortrag aus der in zusammenarbeit mit der neuen philantopischen gesellschaft e.v. erstellten vortragsreihe „ethik in unserer zeit“. abschliessend diskussion und fragen. nein, keine fragen, bloss ein beispiel: nach carpaccio von jakobsmuscheln mit pampelmuse und rotem pfeffer, gefülltem lachs in hummersauce mit perigordtrüffel, kalbsfilet in blätterteig, morchelrahmsauce, tourniertem gemüse, mandelbällchen, eisbömbchen mit pfirsichen, madelhippe und grand marnier-sabyone spricht herr fischer oder herr mühlbauer zum thema „journalistische ethik heute“.

nein wir gestatten jetzt keinen zwischenruf. wir wollen unseren gedankengang zu ende kauen. denn um etwas weiter auszuholen: auch o.lafontaine schmeckt der ziegenkäse am besten zusammen mit einer jungen frau auf einer wiese bei sancerre und dazu eine flasche sancerre. er gibt sich auch grösste mühe, den leidenschaftlichen sinnesmenschen zu verkapern, wenn er in einem faz-interview sagt: „leidenschaft muss sein, auch in der nahrungsaufnahme“ und „eine sinnliche empfindsamkeit für alle bereiche des lebens. ich kann diese unsinnlichen typen, die das essen gedankenlos in sich hineinstopfen, nicht ausstehen.“ natürlich sind auch uns die sinnlichen, die gedankenvoll an ihren nägeln kauen, viel lieber. aber zurück zum thema.

dass essen ein kulturelles ereignis sein kann, wissen wir nicht erst, seitdem die vhs auf diesen zug aufgesprungen ist. Und dass man sich selbst einmal kartoffel mit liebstöckel und olivenöl gekocht hat, interessiert auch keinen.

selbst die konversation würde ungeahnte höhen erreichen. der small talk am nebentisch würden augenblicklich erstarren, wenn man gerade seinem gesprächspartner von seinem grauburgunder vorschwärmt: „so etwas wie ein hauswein, von der saar natürlich, und eine rarität für den jahrgang.“ dieses beispiel riecht natürlich noch etwas korkig. besser, da seltener und damit kostbarer wird ein condrieu gesprächsweise angeschnitten, „ein köstlicher weisswein aus dem rhonethal südlich von vienne“. dort hat man ihn angeblich entdeckt. nein, nicht bei einem der beiden bekannten hersteller, sondern bei einem kleinen winzer, der sich, als man ihn besuchte, nur mit müh und not 12 flaschen habe abschwatzen lassen. das sind dann die sternstunden für den gehobenen tafelspitz: entdecker und eroberer zugleich zu sein. ich persönlich würde im p.l.u.s.-department auch gern chinesisch speisen, vielleicht eine haifischflossensuppe, wie man sie auch im tse ynag bekommt, bestimmt der beste chinese in deutschland. keine angst: diese unbedingte alleskennerschaft ist typisch für deutsche allesesser: „wenn sie mal nach shanghai kommen, da gibt es so eine kleine garküche am hafen, gleich links, wenn sie von see kommen, die machen die beste yu jr tang in ganz asien. dazu wählt man am besten einen 89er reiswein ´studentenblut´ “.

trotzdem setzt lafontaine auf die „spätzlemaschine“ und ist guter hoffnung: „wir sind auf dem weg, china kulinarisch einzuholen!“ feuer frei! doch dank konfuzius („er ass nicht viel, aber gut“) und lao tse (stellte sogar die formel auf: essen und sex gleich natur) hat die chinesische küche immer noch einen gewissen vorsprung vor der linkshegelianischen schwäbischen: der mensch isst, was er ist.

man sieht: ein blick über den tellerrand würde unserer speisekarte nicht schaden. praktisch über den suppentellerrand liess sich unlängst w.momper von ´bild am sonntag´ schauen. wie die meisten deutschen aufstreber fühlt er sich beim italiener am wohlsten, wo man so trefflich mit seinen sprachkenntnissen brillieren kann. Ìl sorriso´heisst mein lieblingsitaliener, dort setzt man sich hinein und wartet bis am nachbartisch eine gruppe jugendlicher pizza bestellt. das dauert meist nicht lange. sogleich rufe ich auf italienisch die tochter der wirtin herbei und bestelle, allgemein gut hörbar, carpaccio und als haupthang gambas mit spinat. als dessert hätte ich gern frische himbeeren. diesen satz kann man ihr auch auf deutsch hinterher rufen. besonders ehrgeizige freunde von mit fragen bei der gelegenheit auch gleich, ob die himbeeren wirklich aus südafrika sind, nicht vielleicht aus holland. na ja, über die sich masslos überschätzenden, kakao mit capuccino verwechselnden jugendlichen habe ich mich schon an anderer stelle beklagt.

zum schluss noch ein tipp vom chef des wiesbadener nobel-restaurants „die ente vom lehel“, den er leider nicht nur uns, sondern vorher auch schon der „hörzu“ verriet: „man nehme kekse und marmelade der spanier, dazu ihre früchte, den französischen thunfisch, den belgischen zitronensirup, erdnussbutter und kekse von den amerikanern, das fläschchen kräuterlikör sowie das kondensmilchkonzentrat der italiener und als hauptmahlzeit das deutsche gulasch.“ Und giesse alles unter ständigem rühren in den grossen topf. Und fertig ist das nato-menü á la wodarz: dialog der kekse. ansonsten hat der gulaschkanonier noch eine bombenidee: „man sollte unbedingt mehr für die optik tun.“

p.s. sätze wie dieser: „ein glas rotwein zu einem guten essen an einem langen abend mit freunden in der toskanischen schönheit, das bedeutet für mich das grösste glück“ sind ausdrücklich der gymnasialen, sts-hörenden lehrerschaft über 45 jahren vorbehalten.

p.p.s. auch sätze wie dieser sind nicht mehr haltbar: „ich kann das leben geniessen, denn wer das leben nicht geniesst, ist ungeniessbar.“ bei soviel niesen möchte man zum schnupftuch greifen. ausserdem war k.wecker deswegen lange im gefängnis.

 
 
 
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